Die Peking kommt nach hause…Teil 1

Eine Woche New York City, täglicher Ausblick auf die Skyline von Manhattan, eine über 100 Jahre alte Viermastbark Huckepack im Laderaum, 7.000 Kilometer über den Atlantik mit einem Dockschiff und ich war dabei. Ich möchte Euch an dem bisher größten Abenteuer meines Lebens teilhaben lassen und berichte im Folgenden von dieser spannenden und inspirierenden Reise.

Vorab ein paar wichtige Informationen und etwas über die Geschichte der „Peking“

Die „Peking“ ist eine Viermastbark, welche vor 106 Jahren in Hamburg bei Blohm+Voss gebaut wurde. Sie wurde damals von Reederei F. Laeisz in Auftrag gegeben. Die meisten dieser Schiffe hatten ein „P“ als Anfangsbuchstaben (66 von 86) und waren allgemein bekannt als die Flying P-Liner. Ihren aktiven Dienst hatte sie bis zum Jahr 1932. Im späteren Verlauf wechselte das Schiff den Eigentümer, hatte unterschiedliche Einsatzzwecke, überlebte den Ersten und Zweiten Weltkrieg und wurde schließlich nach über 60 Jahren ausgemustert und an das South Street Seaport-Museum in New York versteigert. Seit 1976 diente sie als Museumsschiff und Touristen-Attraktion.

Im Oktober 2012 wurde bekannt gegeben, das dass New Yorker Museum die mittlerweile völlig marode Peking aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht mehr halten konnte und man bereit  gewesen wäre, dass Schiff für viel Geld zu verkaufen. Die Stiftung Hamburg Maritim hatte schon damals Interesse an dem berühmten Viermaster gezeigt, jedoch aufgrund der hohen Restaurierungs- und Überführungskosten wieder Abstand genommen. Über die darauffolgenden Jahre gab es keinen

Übernahme-Interessenten für die „Peking“ und das New Yorker Museum spielte sogar mit dem Gedanken, dass Schiff zu verschrotten oder sogar als künstliches Korallenriff irgendwo im Ozean zu versenken. Schließlich entschied man sich dazu, die „Peking“ nahezu für umsonst abzugeben.

Die Kosten für eine Überführung per Dockschiff plus anschließender Sanierung wurden auf rund 26 Millionen Euro geschätzt. Die Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs und Rüdiger Kruse reichten daraufhin einen entsprechenden Antrag in den Bundeshaushalt ein. Im November 2015 beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages die „Peking“ nach Hamburg zurück zu holen und stellte für dieses Projekt eine Summe in Höhe von 26 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Stiftung Hamburg Maritim wurde zum neuen Eigentümer und mit der Rückholung der Peking und deren fachgerechter Sanierung beauftragt.  Der Kaufbetrag für die 106 Jahre alte Viermastbark betrug „100 Dollar“. Im September 2016 verließ der historische Frachtsegler nach 41 Jahren seinen Liegeplatz in Lower-Manhattan und wurde in den vergangenen Monaten in der Caddell Werft auf Staten Island für den Transport nach Deutschland vorbereitet.

Und hier begann meine Reise…

Vor ca. zwei Monaten verspürte ich den Wunsch mal wieder an die Küste zu fahren. Die unendliche weite des Meeres zu sehen, Wind und Wellen zu genießen, die salzige Luft zu schmecken und die Gedanken schweifen lassen. In den vergangenen Tagen und Wochen hatte ich davon jede Menge. 11 Tage Atlantik und rund 3.600 Seemeilen (ca. 7.000 Kilometer) absolut nichts als Wasser und Himmel. Tolle Sonnenauf- und Untergänge, Tiefdruckgebiete, bis zu 4 Meter hohe Wellen, Wind und Sturm. Man konnte einfach nur da sitzen und aufs Wasser schauen, stundenlang.

Mein Abenteuer begann am 11. Juli am Hamburger Airport. Über einen Zwischenstopp in Island landete ich am späten Dienstagabend am Flughafen JFK in New York. Zum ersten Mal Amerika! 35° Grad Außentemperatur und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Im klimatisierten Ami-Schlitten machten wir uns auf den Weg zum Hotel in Staten Island. Nach einem Bier in der Lobby schlief ich in einem King-Size Bett ein und verbrachte meine erste Nacht in knapp 7.000 Kilometern Entfernung von zuhause.

Mittwoch, 12. Juli

Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns am nächsten Morgen auf dem Weg zur Caddell Werft in Staten Island. Dort traf ich zum ersten Mal auf die „Peking“ und war von ihrer Größe schlichtweg beeindruckt.

Im letzten Jahr hatte ich ja bereits die Sanierung der Rickmer Rickmers fotografiert, aber die „Peking“ ist definitiv noch mal eine größere Hausnummer.

An diesem zweiten Tag meiner dreiwöchigen Reise begutachteten wir das Schiff auf dem Werftgelände, und die Verantwortlichen der Stiftung führten einige aufwendige Markierungsarbeiten durch. Für mich war der Zeitpunkt gekommen, mit meinem Foto-Projekt „Peking“ offiziell zu starten.

Mit Stativ und Kamera bewaffnet machte ich mich auf den Weg in die unteren Laderäume. Die „Peking“ ist wahrlich ein schönes Schiff, aber der äußere Anblick täuscht. Im Inneren ist der aktuelle Zustand schlechter als man von außen meinen mag. Es gibt kein wirkliches Innenleben mehr, keine Einrichtung, keine Möbel, keine herumstehenden Materialien oder ähnliches. Es wirkt fast wie eine leere Hülle.

Auch wenn das Schiff an der Pier lag, so gab es trotzdem einen schwachen Wellengang und das Schiff bewegte sich. Gar nicht so einfach verwacklungsfreie Aufnahmen vom Stativ hinzubekommen. Durch Belichtungsreihen, welche dann später als HDR zusammengefügt wurden, ließ sich die Szenerie unter Deck toll einfangen und die Schatten und Lichter wurden optimal dargestellt. Unter Deck gab es keine künstliche Beleuchtung.

Das einzige Licht schien durch die Bullaugen und durch kleinere Löcher im Boden. Für Lost-Place-Fotografen ein wahres Paradies.

Rost, abgeblätterte Farbe und Löcher in den Wänden, durch denen das Regenwasser auf das darunter liegende Deck tropfte, erzeugten eine spannende und auch unheimliche Stimmung. Bei erneut 35° war es eine große körperliche Anstrengung, sich permanent geduckt mit meiner ganzen Fotoausrüstung durch das Schiff zu bewegen.

Auch damals schon, wurde die „Peking“ nicht für große Menschen wie mich gebaut. Dazu hingen zahlreiche Absperrbänder, kaputte Rohre und Leitungen von der Decke. Schweiß gebadet bahnte ich mir meinen Weg von Raum zu Raum, immer auf der Suche nach dem nächsten Motiv. Manchmal ging es nur kriechend voran um den Platz zu erreichen, welchen ich mir zuvor auserkoren hatten. So „schön“ und geheimnisvoll es auch alles war, ich durfte nicht vergessen, das es Bereiche gab die ich definitiv nicht betreten durfte. Zu groß war die Gefahr einzubrechen oder abzurutschen.

Über manchen Löchern im Boden lag nur eine dünne Holzplatte. Wenn man voll in seinem Element ist und mit dem Auge immer nur durch den Sucher der Kamera blickt, dann vergisst man sehr schnell, das man ruckartig durch einen falschen Schritt in Lebensgefahr geraten kann.

Auf diese große Hitze war ich nicht vorbereitet und entschied mich spontan die Beine meiner Hose abzuschneiden. Ohne kurze Hose wäre ich wahrscheinlich einen Hitzetod gestorben.

Ich hätte große Lust gehabt, dass Schiff bei Nacht mit verschiedenen Lichtquellen auszuleuchten um so eine noch spannendere Stimmung zu erzeugen. Leider fehlte mir dafür die Zeit, das Licht und vor allem der Strom, denn den gab es schon seit einigen Tagen nicht mehr an Bord.

Nach diesem erfolgreichen ersten Tag an Bord der „Peking“ machten wir uns Abend auf dem Weg zum Dockschiff, welches etwas außerhalb auf Reede lag. Mit einer Art Wassertaxi fuhren wir zu später Stunde mit Sack und Pack über das Wasser zur „Combi Dock III“, welches die „Peking“ Huckepack mit nach Deutschland nahm.

Der frische Fahrtwind war eine schöne Abkühlung an diesem heißen Tag in New York. Mit großem Koffer, Tragetasche und Fotorucksack stiegen wir bei Dunkelheit die wackelige Gangway hinauf.

Gar nicht so einfach. An Bord lernten wir die ersten Mitglieder der Crew kennen, welches alle Ukrainer waren. Da die Bordsprache jedoch englisch war, gab es in der Verständigung keine Probleme. Nachdem wir unsere Kammern bezogen hatten, trafen uns mit einigen deutschen Vertretern der Bremer Reederei „Combi Lift“ in der schiffseigenen Bar zu einem Bier. Da fliegt man 7.000 Kilometer in die USA und trinkt dann ausgerechnet ein Becks. Als Hamburger weiß man, das Becks kein Bier ist! Solche abendlichen Treffen fanden dann fast jeden Tag statt.

Donnerstag, 13. Juli

Good morning New York!

Dies war von nun an meine tägliche Aussicht auf die Skyline von Manhattan. Welcher New Yorker kann schon von sich behaupten, jeden Tag so eine tolle Aussicht genießen zu können.

Per Kran wurden die für das Einschwimmen der „Peking“ hinderlichen Lukendeckel vom Schiff genommen und auf einem Ponton zwischengelagert. Nach der späteren Verladung der „Peking“ wurden diese wieder an Bord genommen.

Inzwischen liefen die Vorbereitungen für das Einschwimmen der „Peking“ am nächsten Tag.

Nach dem Mittagessen machten wir uns zum zweiten Mal auf den Weg zur Caddell Werft. Die Crew der „Combi Dock III“ konnte zum ersten Mal ihre Ladung sehen, welche sie in den kommenden Tagen an Bord des Dockschiffes befestigen und laschen wird. Vielleicht war es für die schwer arbeitende Schiffscrew auch die einzige Möglichkeit, um überhaupt mal das Schiff während ihrer Dienstzeit zu verlassen.

Vor Ort wurde besprochen, an welchen Stellen des Rumpfes die Schweißarbeiten stattfinden sollen und wo die Schlepper (auf englisch: tug) drücken und ziehen dürfen und wo nicht. Mit Spraydosen wurden dafür am Rumpf Markierungen gesetzt („tug“ und „no tug“). Der Stahl war an einigen Stellen so dünn, das dass Drücken an falscher Stelle zu gravierenden Schäden hätte führen können.

Auf dem Oberdeck wurden der Anker und die beiden einzigen noch originalen Rahen zwischengelagert und für die Überfahrt gesichert.

Alle weiteren nicht originalen Elemente des Riggs wie Gaffeln, Obermasten, Rahen, Kreuz Flaggentopp oder Bramstenge wurden seit September 2016 entsorgt. Bei der Sanierung in Deutschland ist man darauf bedacht, alles im Originalzustand zu rekonstruieren.

Freitag, 14. Juli

Heute stand der wohl wichtigste und spannendste Teil bevor: Das Einschwimmen der „Peking“ in das Dockschiff. Die Kielpallen waren in Position. Das Dockschiff hatte sich abgesenkt und über Nacht seine gewaltige Heckklappe geöffnet, so dass der Laderaum geflutet werden konnte. Jetzt konnte es losgehen. Alle waren für das Einschwimmen bereit.

Zuvor machten sich alle Verantwortlichen in den frühen Morgenstunden für die Verholung auf den Weg zur Caddell Werft nach Staten Island. Die darauffolgende Fahrt zum Dockschiff dauerte rund 2 Stunden.

Als die Bark in Sichtweite war, stieg ich über die Gangway vom Dockschiff auf ein kleines Boot der „New York Harbor School“ um. Mit an Bord war unter anderem ein Fernsehteam vom ARD Büro in New York, welches das Einschwimmen der „Peking“ filmte. Der Kapitän des Bootes war so freundlich uns herumzufahren, damit wir bei diesem wichtigen Manöver aus allen möglichen Perspektiven gute Bilder bekommen konnten.

Bei bedecktem Himmel und Regen fuhren wir der „Peking“ langsam entgegen. Für mich lag die größte Herausforderung im Wellengang des Boots. Es war gar nicht so einfach bei der Schaukelei auf dem Wasser gute Fotos zu machen. Die ganzen letzten Tage hatten wir tolles Wetter mit blauem Himmel und an diesem wichtigen Tag war der Himmel grau und es regnete. Man kann eben nicht alles haben.

Mit dabei waren drei Schlepper, die ganz langsam und vorsichtig die „Peking“ von der Pier ins offene Wasser bugsierten.

Langsam wurde die „Peking“ in das offene Dockschiff geschoben.

Als die Bark halb im Laderaum verschwunden war, ging es schnell zurück an Bord des Dockschiffes um das weitere Vorgehen von der Brücke aus zu fotografieren.

Oben von der Brücke hatte man einfach die beste Aussicht auf das Manöver. Langsam näherte sich die „Peking“ ihrem endgültigen „Parkplatz“ im Dockschiff.

Nun zählte jeder Moment. Die langen Planungen und Vorbereitungen wurden jetzt in die Tat umgesetzt. Am Ende hat alles hervorragend geklappt und jeder hat einen absolut perfekten Job gemacht.

Hier geht es weiter zu Teil 2

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