Tag 1 – Ankunft in Southampton

Montag, 06. Juli 2015. Heute geht es endlich los. Vor lauter Aufregung habe ich die letzte Nacht kaum geschlafen. Mir gehen zu viele Gedanken durch den Kopf, was ich alles sehen und erleben werde. Hoffentlich spielt das Wetter mit. Hoffentlich läuft am Flughafen alles rund und ich habe nichts vergessen. Als ich um 09:05 Uhr endlich im Flieger sitze löst sich meine Anspannung. Nach einem kurzen Zwischenstopp im belgischen Antwerpen bin ich um 11:30 Uhr im britischen Southampton gelandet. Dort wurde ich von einem Fahrer abgeholt, der mich direkt zu den Southampton Docks brachte. Ein sehr netter Herr der mit einem „very british accent“. Ich muss ehrlich zugeben, ich habe nicht alles verstanden.

Wir näherten uns dem Hafen und schon aus der Ferne konnte ich die „Georg Forster“ sehen. Was für ein unglaublich großes und schönes Schiff! An der Pforte zum Hafen musste ich kurz meine Personalien angeben und auf der Passagierliste unterschreiben. Dann ging es auch schon los. Ein Shuttle-Bus holte mich ab und es ging hinauf aufs Terminalgelände. Nachdem ich dem Fahrer erzählt hatte, das ich aus Hamburg komme, berichtete er stolz, das er bald in Hamburg Urlaub machen werde und fasziniert von der Herbertstraße auf der Reeperbahn sei. Er sei sehr verwundert, das dort nur Männer hinein dürfen und hübsche Frauen hinter Schaufenstern sitzen und gewisse Dienstleistung für Geld anbieten. Unglaublich, da sitzt man in England in einem Shuttle-Bus, der über das Containerterminal fährt, und dann erzählt der englische Typ so eine Story!

Der Reeperbahn-Fan hat mich dann vor dem Schiff abgesetzt. Ich stehe so ziemlich mittig vor einer 400 Meter langen Wand aus Stahl. Knall blau mit den weißen Buchstaben CMA CGM an der Seite. Selbst mit einem Weitwinkelobjektiv hätte ich aus dieser Position nicht einmal annähernd einen der Buchstaben formatfüllend aufs Bild bekommen. Unglaublich!

Die lange Gangway war bereits heruntergelassen. Unten wartete ein Offizier der Crew auf mich. „Ah, you must be the Photographer. Welcome on board“

Mein Fotorucksack wog 9 Kilo, mein Koffer ebenfalls. Zusammen mit 18 Kilo Gepäck stieg ich also auf die Gangway. Eigentlich wollte ich die Stufen zählen, aber der Weg nach oben war anstrengend, kein Wunder bei dem Sammelsorium, was ich dabei hatte. Nach 65 Stufen habe ich aufgehört zu zählen, insgesamt waren es ca. 80 oder 85 Stufen. Oben angekommen, wurde ich ein zweites Mal in Empfang genommen und habe meine Bordkarte bekommen, welche ich mir um den Hals hängen musste. Ein weiterer Offizier brachte mich in meine Kabine auf dem C-Deck. Wie ich später erfuhr, heißt es an Bord nicht Kabine sondern Kammer. Bett, Schreibtisch, Bullauge und ein Badezimmer mit Dusche, mehr braucht man nicht. Man ist ja schließlich nur zum Schlafen dort. Ich hatte gehofft, dass es eine kleine Minibar oder einen Kühlschrank mit kaltem Wasser gibt. Der Kühlschrank war da, aber er war leer und nicht angeschlossen. Es gibt Schlimmeres.

Bevor es weitergeht, ein kurzer Blick aus meinem Kammerfenster. Hier entstand dann auch gleich das erste Bild an Bord des Schiffes.

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Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen möchten alle gerne eine Kabine mit Meerblick haben. Ich dagegen habe mir nichts sehnlicheres gewünscht, als genau diesen Ausblick! Eine große Wand aus mehreren übereinander gestapelten 40 Fuß-Containern. Mehr geht nicht! Die Ausleger der Containerbrücken laden und löschen im Sekundentakt die Stahlboxen direkt vor meinem Fenster. Hätte ich den Arm aus dem geöffneten Bullauge herausgehalten, hätte ich sie vielleicht sogar berühren können.

Ohne einen wirklichen Plan wie es nun weitergehen würde, bin ich erstmal auf eigene Faust losgezogen. Auf der Brücke waren noch offizielle Partner und Kunden von CMA CGM, die von der Reederei eingeladen wurden das Schiff zu besichtigen. Ich denke, das ist in jedem Hafen während der Jungfernfahrt eines Schiffes so üblich. Von der Brücke hatte man einen fantastischer Ausblick. Auf der einen Seite das große Hafenbecken und auf der anderen Seite unendliche viele Container. Weiter hinten liegt die 366 Meter lange Essen Express, welche vor wenigen Tagen noch in Hamburg war.

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Da ich nicht auf den Mund gefallen bin, kam ich schnell mit einem Mitarbeiter vom CMA CGM UK Office ins Gespräch. Er hatte ebenfalls eine Kamera dabei und wir haben uns kurz über Objektive und Vollformatkameras unterhalten. Er war ein bisschen neidisch, was mein bevorstehendes Abenteuer betrifft, aber auch gespannt auf meine Bilder, die in den kommenden Tagen entstehen werden. Kurz darauf machte ich die Bekanntschaft mit den beiden Kapitänen der Georg Forster. Kapitän Pavel Toader aus Rumänien und Kapitän Michael Simon aus Deutschland. Ja, die Welt ist ein Dorf! Erst lerne ich einen britschen Hafenarbeiter kennen, der gerne auf die Reeperbahn geht, und jetzt auch noch einen deutschen Kapitän, der nur wenige Kilometer von meinem Geburtsort lebt. Echt toll! Beide Kapitäne sind sehr nette und überaus kompetente Seefahrer mit einem großen Erfahrungsschatz. Kapitän Toader ist bereits seit 22 Jahren bei CMA, Kapitän Simon erst seit kurzem, aber auch schon ein alter Hase im Geschäft. Zwei Niedersachen (ich bin gebürtiger Königreicher im Alten Land bei Stade) auf einem der größten Containerschiffe der Welt. Da lag es auf der Hand, dass ich mit Kapitän Simon einige gemeinse Gespächsthemen hatte. Wir sprachen über die Elbvertiefung, Antipirateriemaßnahmen, die Containerschifffahrt, das Leben auf See und auch ein wenig über Fußball. Ich bin leidenschaftlicher HSV’er, sein Herz schlägt für den FC St. Pauli. Oha, aber da sehen wir mal drüber weg.

Das Wetter war am Mittag nicht optimal. Es war stark bewökt und die Mittagszeit ist bekanntlich nicht der beste Zeitpunkt für gute Lichtverhältnisse. Am Nachmittag klarte es dann etwas auf und die Sonne kam zum Vorschein. Auf der Nock (so nennt man die beiden Außenbereiche der Brücke) war ein Schild angebracht, welches vom hiesigen Standort aus die Länge des Schiffes angibt. 249,29 Meter nach hinten und 148,71 Meter nach vorne. Zusammen 398 Meter. Unglaubliche Dimensionen!

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So langsam wurde das Wetter dann immer besser. Der Himmel klarte auf und die Wolken verschwanden. Ich hatte alle Zeit der Welt um die tolle Atmosphähre auf dem Schiff und in der Umgebung aufzusaugen. Auf dem Terminal bewegten sich die Van-Carrier wie Ameisen, überall stapelten sich 20- und 40 Fuß-Container. Die Brückenfahrer löschten die Stahlboxen an Bord des Schiffes, kleine und große Schiffe fuhren durch das Hafenbecken. Es gab so viele neue und spannende Perspektiven. Der Auslöser meiner Kamera erinnerte mich kurzzeitig an ein Schnellfeuergewehr. Magazin äh Speicherkarte wechseln und erneut Bilder schießen.

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Bevor der erste Tag sich dem Ende zuneigte und ich erstmal realisieren musste, wo ich hier eigentlich bin und was noch alles vor mir liegt, besuchte ich am späten Abend noch einmal die Kommandobrücke in 30 Metern Höhe. Die ganze Brücke für mich allein! Zur blauen Stunde sind noch einige schöne Aufnahmen vom voll beladenen Deck und dem umliegenden Hafengelände entstanden.

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Bevor es morgen mit dem zweiten Teil weitergeht, hier noch eine Übersicht einiger Bilder vom ersten Tag in Southampton.

Hier geht es weiter zu Teil 2: Wir verlassen den Hafen